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| Maul- und Klauenseuche (MKS) - Wissenschaftliche Grundlagen Hermann Müller Inhalt:
Das Virus der Maul- und Klauenseuche (MKS-Virus) [engl.: Foot and Mouth Disease (FMD) virus] Das Virus der Maul- und Klauenseuche (MKS-Virus) wurde im Jahre 1897 in Greifswald von Friedrich Löffler und Paul Frosch als erstes animales Virus entdeckt. Es ist ein Angehöriger des Genus Aphthovirus in der Familie der Picornaviridae. Diese Familie besteht aus der Gruppe der Säure-stabilen Genera Enterovirus, Hepatovirus, Cardiovirus, und der Gruppe der Säure-labilen Genera Rhinovirus und Aphthovirus. Ein weiteres Aphthovirus ist das equine rhinovirus type 1 (ERV-1). Picornaviren sind klein (pico - klein; Durchmesser ca. 27 nm) mit einer RNA als Genom. Dieses besteht aus einem einzigen RNA - Molekül (ca. 7000 Bausteine - Nukleotide), das die infizierte Zelle sehr schnell zur Bildung einer großen Zahl neuer Viren veranlasst: in ca. drei Stunden werden von einer infizierten Zelle bis zu 1 Million neue Viren produziert. Dabei enstehen die 4 Strukturproteine VP1, VP2, VP3 und VP4, die das Viruspartikel bilden sowie 7 bis 8 der so genannten Nicht-Strukturproteine, die für die Virusvermehrung wichtig sind. NB.: Viren mit einer RNA als Genom sind durch eine hohe genetische Variabilität ausgezeichnet. Diese bewirkt oftmals, so auch beim MKS-Virus, eine große Vielfalt von Stämmen (Pluralität). NB.: Ein Impfstoff aus inaktivierten MKS-Virus-Partikeln enthält die Strukturproteine. Von diesen ist VP1 das wichtigste, da es die Bildung der schützenden (neutralisierenden) Antikörper bewirkt. Biologische Eigenschaften des MKS-Virus
Antigene Eigenschaften des MKS-Virus
NB.: Ein Tier bleibt nach der Infektion oder einer Immunisierung mit einem Serotyp voll empfänglich für die Infektion mit einem anderen! NB.: Die serologische Verwandtschaft zwischen verschiedenen Stämmen muss nicht reziprok sein, d. h., selbst eng verwandte Viren können eine breite "kreuzreaktive", oder aber eine enge "spezifische" Immunantwort auslösen. Geographische Verbreitung des MKS-Virus
N.B.: Nord- und Mittelamerika, die Karibik, Australien, Neuseeland, Japan und Ozeanien sind seit vielen Jahren frei von MKS-Virus! Virusquellen, Übertragungs- und Einschleppungswege NB.: Die MKS ist eine Virusinfektionskrankheit mit außerordentlich hoher Ansteckungsfähigkeit (Kontagiosität)! Virusquellen:
Empfängliche Tierarten Das Wirtsspektrum ist breit: natürlicherweise Klauentiere (Rind, Schaf, Ziege, Büffel, Wildwiederkäuer, Schwein), u. U. Giraffen, Elefanten und Kamele, selten andere Spezies (die Bedeutung von Gnu, Hirsch und Wildschwein in der Epidemiologie der MKS ist unklar). Experimentell können Meerschweinchen und Mäuse infiziert werden. Empfänglichkeit des Menschen Einige wenige Fälle nach starker Exposition (Tierhalter, Schlachter) sind bekannt. Fieberhafte Allgemeinstörungen mit Aphthenbildung (Aphthe – flüssigkeitsgefüllte Blase) an den Händen oder der Mund- bzw. der Rachenschleimhaut wurden beschrieben; sie haben eine gute Prognose (Heilungsaussicht). Das MKS-Virus dringt vermutlich durch kleine Verletzungen in den Körper ein. Unter mitteleuropäischen Bedingungen besteht auch im Falle eines Seuchenzuges keine Gefahr für den Verbraucher. Klinische Symptomatik Die MKS ist eine schwere, fieberhafte Allgemeinerkrankung der Klauentiere, die zur Bildung von stecknadelkopf- bis erbsengroßen Bläschen (Aphthen) und Erosionen an kutanen Schleimhäuten und unbehaarten Teilen der Haut führt, insbesondere im Bereich des Maules (Zahnfleischrand, Zunge, Gaumen), der Rüsselscheibe, der Klauen (Klauenspalt, Kronsaumrand) und des Euters. Innerhalb eines Bestandes erkranken alle Klauentiere (Morbidität 100 %). Sie führt bei erwachsenen Tieren im allgemeinen nicht zum Tode (Mortalität < 2 %), lediglich bei Jungtieren kann eine höhere Mortalität (bis zu 50 %) beobachtet werden. Die MKS verursacht jedoch durch drastische Einbußen an Fleisch- und Milchleistung, schwere Lahmheiten und verringerte Reproduktionsraten große wirtschaftliche Schäden. NB.: Bei einer Infektion werden Ausmaß und Verlauf der Erkrankung von der Tierart, dem Alter, der Virulenz des Stammes (Grad seiner krankmachenden Eigenschaften - Pathogenität) und vom Immunstatus beeinflusst. Rind: Inkubationszeit 2-7 Tage. Hohes, 1-3 Tage anhaltendes Fieber (über 41,5°C) mit Appetitlosigkeit, Abgeschlagenheit und Abfall der Milchleistung. Rötung der Schleimhaut im Maulbereich, Speichelfluss (zähflüssig!), Aphthenbildung, Erosionen, Lahmheitserscheinungen. Bei günstigem Verlauf Abheilung nach 8-14 Tagen. Bei Kälbern kann eine Herzmuskelentzündung zum Tode führen. Differentialdiagnosen: Infektionen des Mucosal-Disease-Komplexes, Rinderpest, Bösartiges Katarrhalfieber, Krankheiten des Pocken-Herpes-Komplexes. Schwein: Inkubationszeit 1-3 (max. 12) Tage. Weniger dramatischer Krankheitsverlauf als beim Rind, aber 3-4 Tage Fieber zwischen 40-41°C. Vor allem Lahmheitserscheinungen durch Aphthenbildung an den Sohlenballen, im Zwischenklauenspalt und am Kronsaum. Mitunter sind zunächst nur einige Tiere des Bestandes betroffen; daher ist die eingehende Untersuchung aller Tiere erforderlich. Sekundärinfektionen führen zu Ausschuhen. Aphthen am Gesäuge. Ferkelverluste durch Herzmuskelschädigung. Differentialdiagnosen: Infektionen des Vesikulärkrankheitenkomplexes (Stomatitis vesicularis, Vesikuläre Schweinekrankheit), Aujeszkysche Krankheit. Schaf: Inkubationszeit 2-14 Tage. Durchseuchung einer Herde langsam und unvollständig. Vor allem Lahmheitserscheinungen aufgrund von Klauenaphthen. Die Veränderungen an der Mundschleimhaut sind uncharakteristisch. Differentialdiagnosen: Moderhinke, Lippengrind, Traberkrankheit (Scrapie). Ziege: Meist gutartiger Verlauf ohne Allgemeinstörungen. Läsionen in der Mundschleimhaut sind wenig ausgeprägt. Oft Rhinitis. Pathogenese (Krankheitsentstehung) Die MKS ist eine "zyklische Infektionskrankeit mit normiertem Verlauf" (Zyklus: Kreislauf regelmäßig wiederkehrender Dinge oder Ereignisse - hier: der Virusvermehrung). Das MKS-Virus ist epitheliotrop (Vermehrung in Haut- und Schleimhautzellen) und myotrop (Vermehrung in Muskelzellen), manche Stämme sind auch neurotrop (Vermehrung in Nervenzellen).
Immunantwort des MKS-Virus-infizierten Organismus Die Infektion löst die Bildung Virus-spezifischer Abwehrstoffe aus, die in Blut, Lymphe und anderen Körperflüssigkeiten nachweisbar sind (humorale Antikörper). Einige Tage (ca. 5-7) nach der Infektion sind sie in einer Konzentration vorhanden, die die Virusvermehrung eingrenzt und die Genesung einleitet. Die zuerst gebildeten Antikörper der Klasse IgM haben auch eine (begrenzte) Wirkung gegen andere Serotypen als den Serotyp, der die Infektion auslöste (Kreuzneutralisation), während die etwas später gebildeten Antikörper der Klasse IgG Serotyp- oder sogar Subtyp-spezifisch sind. Über die Bedeutung der Zell-vermittelten Immunantwort ist noch wenig bekannt; sie ist vermutlich gering. NB.: Ein belastbarer Schutz durch Impfung mit "inaktivierten Vakzinen" (Impfstoffe, die nicht vermehrungsfähige Viren enthalten) erfordert mehrmalige Immunisierung. Von der Entwicklung von Impfstoffen aus vermehrungsfähigen, attenuierten (abgeschwächten) Impfstämmen wurde abgesehen, wegen der großen Vielfalt von Stämmen, vor allem aber wegen der Gefahr einer Umwandlung des Impfvirus in ein krankmachendes. NB.: Trotz der Anwesenheit neutralisierender Antikörper im Organismus kann das MKS-Virus noch nach Wochen oder Monaten in Blut und Urin nachgewiesen werden, in den Epithelien der Speiseröhre sogar noch nach Monaten oder Jahren (s.o.). NB.: Nach einer Infektion werden Antikörper gebildet, die gegen die oben genannten Strukturproteine gerichtet sind und solche gegen die Nicht-Strukturproteine. Da bei einer Schutzimpfung mit einem MKS-Impfstoff aus nicht vermehrungsfähigen Viren keine Antikörperbildung gegen die Nicht-Strukturproteine erfolgen kann, ist eine Unterscheidung zwischen infizierten und geimpften Tieren möglich. Auf dieser Grundlage können hierzu geeignete diagnostische Testverfahren entwickelt werden. Diagnose der MKS
NB.: Die zuständige Untersuchungseinrichtung ist die Bundesforschungsanstalt für Virukrankheiten der Tiere, Anstaltsteil Tübingen, Paul-Ehrlich-Straße 28, 72076 Tübingen. Bekämpfung der MKS Die MKS ist eine anzeigepflichtige Tierseuche. In der Europäischen Union (EU) wird ihre Bekämpfung durch die "Richtlinie 85/511/EWG vom 18. November 1985 zur Einführung von Maßnahmen der Gemeinschaft zur Bekämpfung der Maul- und Klauenseuche (Abl. EG Nr. L 135 S. 11)" in der jeweils geltenden Fassung geregelt, in der Bundesrepublik Deutschland durch die "MKS-Verordnung in der Fassung der Bekanntmachung vom 1. Februar 1994 (BGBl. I S 187)" in der jeweils geltenden Fassung. Schutzimpfung gegen die MKS. Seit dem 1.1.1992 sind in der EU Schutzimpfungen gegen die MKS sowie Heilversuche an seuchenkranken und verdächtigen Tieren verboten. In Anbetracht des großen öffentlichen Interesses am aktuellen MKS-Geschehen, insbesondere im Hinblick auf eine Impfung, hat die Fachgruppe Virologie und Viruskrankheiten in der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft e.V. die nachfolgende Stellungnahme erarbeitet: Stellungnahme der Fachgruppe "Virologie und Viruskrankheiten"
Bei der Erstellung dieser Übersicht wurden neben anderem verwendet:
Maul- und Klauenseuche – Risiko und tierärztliche Aufgabe – Eine Informationsschrift, herausgegeben vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (November 1996).
Arbeitsanleitung zur Labordiagnostik von anzeigepflichtigen Tierseuchen nach der Verordnung über anzeigepflichtige Tierseuchen vom 23. Mai 1991 (BGBl I S. 1178) in der jeweils geltenden Fassung, herausgegeben vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (Stand September 1999).
Verfasser: Prof. Dr. med. vet. Hermann Müller, Fachtierarzt für Mikrobiologie Universität Leipzig, Veterinärmedizinische Fakultät Institut für Virologie An den Tierkliniken 29 D-04103 Leipzig Tel.: +49(0)341-9738200 Fax: +49(0)341-9738219 e-mail: virology@vetmed.uni-leipzig.de
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